China

Workshop in Guanlan, China
01 12 2011

Während meines Arbeitsaufenthaltes 2010 in Beijing hatten Tan Ping und ich die Idee, unser »Berlin-Beijing-Projekt« wiederaufzunehmen. 15 Jahre später würden wir – diesmal in leicht veränderter Formation – wieder gemeinsam Holzschnitt drucken.


Außer uns beiden war, wie schon 1996, Rüdiger Schöll dabei und Kang Jianfei aus Beijing; Ort diesmal die »Guanlan China National Printmaking Base« in der Nähe von Shenzhen in Südchina.

Printmaking Workshop

Ein sehr idyllischer Ort mit einer großzügigen, modernen, professionellen Druckwerkstatt, eingebettet in ein 200 Jahre altes Dorf mit Ausstellungshäusern und Künstlerwohnungen.


Jeder von uns bearbeitete verschiedenste Druckplatten, die dann in unterschiedlichen Farben übereinander auf jeweils dasselbe schwere Büttenpapier gedruckt wurden. Entstanden sind so über ein Dutzend großformatige Arbeiten (bis zu 100×180 cm) und fünf Editionen kleinformatiger Blätter (40×50 cm), die 2012 in Beijing in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft in der Alexander Ochs Gallery gezeigt werden.

Andreas Amrhein


Letter from Beijing
01 09 2010

Während meiner Zeit in Beijing lebe ich in Caochangdi, einem relativ neuen Außenbezirk im Nordosten. Dort sind nach Plänen AiWeiWei’s einige großzügige Ateliers gebaut worden und es haben sich große Galerien etabliert. Alexander Ochs Galleries befindet sich praktischerweise nur einen Steinwurf entfernt.
In meinem Haus lebt zur Zeit ein »sehr melancholischer« Windhund, der mich gelegentlich leise im Atelier besucht. Er heißt Cha Hui (kleiner Grauer) und leistet mir beim Malen Gesellschaft.


In der ersten Zeit beschäftige ich mich noch mit dem »mitgebrachten Porzellan« – der Chinamode des 18. Jahrhunderts entsprechenden Figuren der königlichen Porzellanmanufaktur – die ich mit gefundenen Zeichen und Emblemen aus den Straßen der Umgebung auf der Leinwand kombiniere. Später werde ich auf dem sonntäglichen Panjiayuan-Markt fündig: Sowohl Tierfiguren begeistern mich, die man wohl als »folk art« bezeichnen würde, als auch Keramiken aus der Revolutionszeit, die ein erstaunlich optimistisches Pathos verbreiten. Genügend Material für Monate im Atelier …

Im Atelier in Coachangdi, Beijing

War ich 1996, bei meinem ersten längeren Aufenthalt, praktisch noch von Berlin abgeschnitten, kommuniziere ich nun munter über einen Laptop, über den ich auch meine CDs höre und chinesische Schriftzeichen mittels Beamer auf die Leinwand projiziere. In vielerlei Hinsicht sind Equipment und Arbeitsweise hier viel moderner, als in meinem Berliner Atelier.


Ich schreibe dennoch auch weiterhin Briefe, was die jungen Leute in der Galerie in dauerhaftes Erstaunen versetzt. Paul erklärt, seinen letzten Brief vor mehr als drei Jahren verschickt zu haben, und in welchem der Einwurfschlitze der grünen Briefkästen in der Stadt man die Post nach »Deguo« (Deutschland) werfen müsse, wisse er auch nicht. Aber – zugegeben – bei einer Laufzeit von zwei Wochen hat ein Brief auch nichts mehr mit Aktualität zu tun.


In meinem kleinen blauen Notizbuch sammele ich Nummern, Zieladressen und kleine nützliche Sätze, die mir Freunde und Bekannte auf Chinesisch hineinschreiben. Das kleine Büchlein ist mein Begleiter in Straßen, Restaurants und auf Taxifahrten. Rätselhaft bleibt mir, was einige Taxifahrer unterwegs hören: Eine Art ewiger Monolog in einem harten, lauten, geradezu vorwurfsvollen Ton. Ein sehr befremdlicher Soundtrack auf den Fahrten durch die Stadt. Nach einigen Tagen beginne ich aber auch, mit dem Rad zu fahren, was ähnliches Erstaunen auslöst, wie das Briefeschreiben. Es braucht allerdings anfangs etwas Gewöhnung und starke Nerven, da alle ständig in Bewegung sind und Autos allenfalls hupen, nicht bremsen. Die einzige Regel: nicht plötzlich anhalten und immer im Fluss bleiben… Meine Lieblingsstelle ist eine sternförmige Kreuzung zwischen »798« und dem »5. Ring«, die sich regelmäßig völlig verstopft und auf rätselhafte Weise wieder klärt, ohne dass (wie in Deutschland) einer (oder mehrere) die Nerven verlören. Ins Zentrum radle ich nie, dafür ist Beijing mittlerweile zu groß geworden: 16 Mio. Einwohner, 4,5 Mio. Autos … Zum Tian’anmen Platz wären es geschätzte 20 Km.

Dank der Vermittlung von Alexander Ochs und meinem alten Freund Tan Ping, der mich gleich am zweiten Abend zu einem Empfang in die deutsche Botschaft mitnimmt, habe ich relativ schnell Kontakt. Auch zu anderen Künstlern, deren Ateliers ich besuchen kann – und mit denen ich vor allem die Spiele der Fußballnationalmannschaft in Südafrika verfolge – die meisten bei Julia Doernen und Wang Shugang.


Ich bin sehr beeindruckt von der Gastfreundschaft und Neugierde, die mir entgegengebracht wird, bin dankbar für die vielen un-touristischen Einblicke in den Beijinger Alltag und eine sehr produktive Atelierzeit. Mein besonderer Dank gilt Alexander Ochs, der mir nicht nur sein Atelierhaus, sondern auch sein Mobiltelefon mit den wichtigsten Pekinger Nummern überließ, und dem ich Einblick in die riesigen Ateliers von Yue Mingjun und Yang Shaobin verdanke.


Mein weiterer Dank gilt Julia Doernen und Wang Shugang für ihre Gastfreundschaft; Tian Yuan, Zhang Di und Paul von White Space Beijing für die Hilfe bei der Organisation der großen Leinwände und der kleinen Dinge des Alltags, und meinem Freund Tan Ping für seine guten Ideen zur Neuauflage des Beijing-Berlin Projekts.

Andreas Amrhein